In Wittichenau und Umgebung haben sich vor allem in der dunkleren Jahreshälfte zwischen November und April Bräuche erhalten, deren Besonderheiten sich zum einen aus ihrer Verankerung in der katholischen Religiosität, zum anderen durch das kleinstädtisch-bürgerliche Milieu erklären lassen. So besucht etwa am Vorabend des Barbaratages (4. Dezember) die weiß verschleierte Heilige Barbara die Kinder und beschenkt sie mit Äpfeln, Nüssen und Süßigkeiten. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts ist die Schutzpatronin der Bergleute in Bergbaugebieten auch als Gabenbringerin bekannt. In und um Wittichenau wird sie – wie andernorts der Heilige Nikolaus – von finster dreinblickenden Ruprechten in dunklem Zottelpelz begleitet. Der kettenrasselnde Wittichenauer Ruprecht, der „Kulowski rumpodich“ soll bis heute auch zu Weihnachten dort, wo vermeintlich unartige Kinder wohnen, anstelle des freundlichen, rot-weiß bemäntelten Weihnachtsmanns an die Tür klopfen.

Das Verkleiden, Vorführen, Befragen und Beschenken sind Grundmuster der spielerisch gestalteten Bräuche. Dazu gehört auch das ausgelassene Fastnachtstreiben, das heute auf den ersten Blick als das glatte Gegenteil zur katholischen Lebensweise erscheinen mag, bei genauerer Betrachtung aber seinen Ursprung in der liturgischen Ordnung hat. Alles, was wir heute unter Karneval und Fasching verstehen, entwickelte sich aus der Absicht, das Volk, besonders die Bevölkerung der aufblühenden Städte, auf die vierzigtägige Fastenzeit hinzuführen. Die Errichtung von Narrenreichen mit Prinz Karneval samt Hofstaat, die Umzüge mit ihren Figuren und Szenen bis hin zum Austreiben der Fastnacht sollte den Gläubigen die teuflische Gegenwelt zum Gottesreich vor Augen führen und ihre Bereitschaft zur Umkehr fördern. An den fürstlichen Höfen inszenierte man Maskenbälle, bei denen der Adel den eigenen Prunk zur Schau stellte. In den Dörfern führte man den als Strohungetüm maskierten Winter in feierlicher Prozession von Tür zu Tür und sammelte Wurstreste und Eier. Vor den entbehrungsreichen Wochen wurden alle verderblichen Speisen gemeinschaftlich bei Gesang und Tanz vertilgt. Mit der Vereinsbewegung im 19. Jahrhundert erhielten die Festivitäten dann ihre typischen Abläufe. In Wittichenau sorgte zunächst der Katholische Gesellenverein dafür, heute nun der Karnevalsverein.
Und so lockt der Ruf „Helau in Witt‘chenau!“ alle Jahre mehr Jecken und Schaulustige in die Karnevalshochburg, und das nicht nur zum Rosenmontagsumzug. Schon zum Weiberfasching am Samstag zuvor begeistern ca. hundert Frauengruppen in farbenprächtigen Kostümen. Fantasie trifft Witz und Geschick. Doch es geht nicht nur um die Schau zauberhafter Outfits, die Närrischen wollen mit ihren Gästen gemeinsam feiern. Die extra für die fünf tollen Tage zu Faschingsbars verwandelten Garagen und Scheunen in den Nebenstraßen locken Leute aus Nah und Fern. Hier zeigt sich der besondere Charme des Wittichenauer Karnevals. Denn auch in diesen Kneipchen mangelt es nicht an origineller Ausstattung und Unterhaltung.