„Kulow“ leitet sich vom altsorbischen kul- für eine befestigte Rundanlage in der Elsteraue ab; „Wittichenau“ geht auf den Grundherrn Withego zurück („villa Witegenow“, 1248) und wurde mit Markt- und Braurechten zum Handelsort. Historisch sprach man im Alltag vorwiegend Sorbisch (der Wittichenauer Dialekt prägte die katholische Schriftsprache), während Amtsdeutsch Verwaltung und Kirche bestimmte; nach 1815 und in der NS-Zeit wurde Sorbisch stark zurückgedrängt. Heute lebt die Zweisprachigkeit weiter—in Gottesdiensten, Schulen, Vereinsleben, Beschilderung—und in Liedern wie „Pod Kulowom we holi“.

Junge Sorbinnen in katholischer Druschki-Tracht

Ein Ort – zwei Namen

Der Entstehung der beiden Ortsnamen, des sorbischen „Kulow“ und des deutschen „Wittichenau“ verlief nebeneinander. Kulow entwickelte sich aus dem altsorbischen Wortstamm *kul- und verweist in seiner Wortbedeutung auf eine befestigte runde Anlage in der Flussaue der Schwarzen Elster. Die Stiftungsurkunde des Klosters Marienstern von 1248 nennt jene weilerartige Siedlung nach seinem Grundherrn „villa Witegenow“, das Dorf des Withego, in dessen Nähe das Zisterzienserinnenkloster errichtet werden soll. Withego I. war der Sohn von Bernhard II. von Kamenz, der sich zur Gründung des Klosters entschlossen hatte. Nach seinem Ableben 1248 verpflichtete sich die Familie, allen voran die Söhne Withego, Bernhard III. und Bernhard IV., das Vermächtnis des Vaters zu erfüllen.

Doch Streitigkeiten zwischen den Brüdern führten zur Teilung des Besitzes. Withego behielt den westlichen Teil der Herrschaft mit dem Dorf Kulow und baute die Stadt, die nach ihm Wittichenau heißt. Dank der im 14. Jahrhundert erteilten Markt- und Braurechte entwickelte sich Wittichenau zum Handelsflecken und zog Kauf- und Fuhrleute, Handwerker, Schausteller, Heiler, Tagelöhner und viele andere an. Die Stadt wurde zum Umschlagplatz nicht nur für Waren und Dienstleistungen, sondern auch für Nachrichten. Mit den Händlern, Tippelbrüdern und sonstigen Reisenden wanderten Neuigkeiten aller Art mit, die aus erster Hand zu erfahren vor allem denjenigen gelang, die mehr als eine Sprache verstanden.

Ein Ort – zwei Sprachen

Zu Lebzeiten von Johann Schadowitz sprachen die meisten in und um Wittichenau lebenden Menschen sorbisch, wenngleich man sich das öffentliche Leben im Zentrum der Stadt zu jener Zeit bereits mehrsprachig vorstellen muss. In Verwaltungssachen, offiziellen Verhandlungen und Kirchenangelegenheiten benutzte man Amtsdeutsch. Im Alltag jedoch überwog ein mundartliches Sorbisch, das sich weitgehend unabhängig von einer normierten Schriftsprache den jeweiligen Gesprächsbedürfnissen anpasste.

Aufgrund seiner Ähnlichkeiten zu tschechischen und slowakischen Dialekten war das um Wittichenau gesprochene Sorbisch – im Deutschen bis 1945 überwiegend „Wendisch“ genannt – für die gegenseitige Verständigung von großem Vorteil. Die Übersetzer der ersten religiösen Schriften für die katholischen Sorben – die in Wittichenau geborenen Geistlichen Jurij Hawštyn Swětlik (1650–1729) und Jakub Xaver Ticin (1656–1693) – legten ihren Arbeiten Ende des 17./Anfang des 18. Jahrhunderts den Wittichenauer Dialekt zugrunde. Damit gründeten sie eine eigenständige, katholische Variante der Schriftsprache, in der bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wichtige Druckwerke erschienen. Danach konnte sich der Dialekt mit seinem besonderen Klang und Wortschatz nur auf mündliche Weitergabe stützen.

Der Hochmut derer, die – besonders nach der 1815 erfolgten Zuordnung von Wittichenau zu Preußen – Deutsch zur Bildungssprache erhoben und Sorbisch höchstens als Verständigungsmittel von Bauern und Dienstboten billigten, ließen Minderwertigkeitsgefühle bei all jenen entstehen, deren mundartliches Sorbisch beim Gebrauch des Deutschen durchschien. Sprachenpolitische Entscheidungen, wie die bewusste Lenkung einsprachig deutschen Personals in die zweisprachige Gemeinde, und schließlich die Repressalien während der NS-Zeit beschleunigten diesen Prozess.

Heutzutage hört man Sorbisch vor allem in den zur Kirchgemeinde gehörenden Dörfern bzw. zur sorbischen Messe und zu anderen kirchlichen Zusammenkünften. Wer den städtischen Alltag allerdings aufmerksam beobachtet, begegnet der Sprache auch mitten in Wittichenau, nämlich auf den Orts- und Straßenschildern, in Familien- und Flurnamen, im Sorbischunterricht an Grund- und Oberschule oder aber zu den Proben und Auftritten des Kirchenchores bzw. der Theatergruppe des sorbischen Vereins „Bratrowstwo“ (deutsch: ‚Bruderschaft‘). Und überall dort, wo sorbische Musikanten etwa zum Hochzeits- oder Kirmestanz aufspielen, darf der Titel „Pod Kulowom we holi“ nicht fehlen. Das Tanzlied im Zweiviertel-Takt erzählt von einem jungen Besenbinder, dessen Liebste sich von ihm nicht in die blühende Heide „pod Kulowom“ hinter Wittichenau verführen lässt, sondern mit einem anderen – vielleicht einem durchziehenden Händler oder Reitobristen – durchbrennt.Der Entstehung der beiden Ortsnamen, des sorbischen „Kulow“ und des deutschen „Wittichenau“ verlief nebeneinander. Kulow entwickelte sich aus dem altsorbischen Wortstamm *kul- und verweist in seiner Wortbedeutung auf eine befestigte runde Anlage in der Flussaue der Schwarzen Elster. Die Stiftungsurkunde des Klosters Marienstern von 1248 nennt jene weilerartige Siedlung nach seinem Grundherrn „villa Witegenow“, das Dorf des Withego, in dessen Nähe das Zisterzienserinnenkloster errichtet werden soll. Withego I. war der Sohn von Bernhard II. von Kamenz, der sich zur Gründung des Klosters entschlossen hatte. Nach seinem Ableben 1248 verpflichtete sich die Familie, allen voran die Söhne Withego, Bernhard III. und Bernhard IV., das Vermächtnis des Vaters zu erfüllen.

Doch Streitigkeiten zwischen den Brüdern führten zur Teilung des Besitzes. Withego behielt den westlichen Teil der Herrschaft mit dem Dorf Kulow und baute die Stadt, die nach ihm Wittichenau heißt. Dank der im 14. Jahrhundert erteilten Markt- und Braurechte entwickelte sich Wittichenau zum Handelsflecken und zog Kauf- und Fuhrleute, Handwerker, Schausteller, Heiler, Tagelöhner und viele andere an. Die Stadt wurde zum Umschlagplatz nicht nur für Waren und Dienstleistungen, sondern auch für Nachrichten. Mit den Händlern, Tippelbrüdern und sonstigen Reisenden wanderten Neuigkeiten aller Art mit, die aus erster Hand zu erfahren vor allem denjenigen gelang, die mehr als eine Sprache verstanden.