Vom Marktplatz Wittichenaus in Richtung Bautzen, steht rechtsseitig auf der Ecke der Bautzener- und Saalauer Straße die kleine katholische Kreuzkirche an deren straßenseitiger Giebelfront vier beachtenswerte Steinkreuze erkennbar sind. Erbaut wurde diese Kirche nach dem großen Stadtbrand von 1780, welcher den in Lehmfachwerkbauweise „fein gebauten“ und mit einem Schindeldach versehenen überlieferten Vorgängerbau, den im Übrigen Johann von Schadowitz selbst noch kannte, vollständig zerstörte. Aber auch schon vor diesem hölzernen Vorgängerbau sollen sich an diesem historischen Platze, außerhalb der eigentlichen Befestigungsgrabens und der 1460 errichteten Stadttore, seit dem Jahr 1000 herum, Kapellen und kleine Kirchenbauten befunden haben, die der Betreuung der Gläubigen beider Konfessionen der nach Wittichenau eingepfarrten Dörfer und Militärkolonien, vor allem zwischen 1580 und 1622, wechselseitig (Diaspora) gedient haben sollen.

Das kleine Fachwerk-Kirchlein zum Hl. Kreuz, dass Johann von Schadowitz noch kannte, wurde ab 1622 einer ausschließlichen katholischen Nutzung überführt, soll aber die meiste Zeit verschlossen und nur für die Messe an den Kreuztagen genutzt worden sein. Diese geringe Nutzung könnte auf den Baustoff Holz zurückzuführen sein, der vom hohen Mittelalter an, nicht zuletzt auch aus Gründen der Brandgefahr, nicht mehr als sakraler Baustoff anerkannt war. In welchen Jahren dieser und andere Vorgängerbauten tatsächlich erbaut wurden, ist bislang nicht eindeutig überliefert.
Am 22. Januar 1782 wurde die heutige in einschiffiger Barockbauweise errichtete massive steinerne Kirche mit einer Balkendecke, einem Dachreiter und einem Ziegeldach geweiht. Im kleinen, auf dem Dachreiter befindlichen Türmchen schlägt die älteste Bronzeglocke der Stadt, die in Dresden gegossen wurde. Ab dem 18. Jahrhundert diente diese Kirche überwiegend als Hospital- und Schulstift, als Vereinskapelle, als Begräbniskirche für den vormaligen anliegenden Friedhof und in der nachfolgenden späterer Zeit den Gottesdiensten kleiner Gruppen und anderen Gemeindeveranstaltungen.
Eine indirekter oder direkter Zusammenhang auf die Entwicklungsgeschichte oder die Ausstattung dieser Kreuzkirche mit oder durch Johann von Schadowitz konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Wir können aber unterstellen, dass er sie an den Kreuztagen oder anderen Messen, wie andere katholisch Gläubige auch, aufsuchte und oft an ihr vorüberging, als er zu seinen täglichen Gottesdiensten in der Pfarrkirche unterwegs war.
Steinkreuze oder Sühnekreuze mit Geschichte
Beachtenswert sind an dieser Station des Schadowitz-Erlebnispfades vor allem aber die Steinkreuze, die beiderseits der unmittelbar an die Kirche angrenzenden Straßen in und an die Kirchenwände neben dem Betstock eingelassen und aufgestellt wurden. Diese Steinkreuze, die allgemein und zum großen Teil auch Sühne- oder Mordkreuze bekannt sind, haben aber auch noch andere Bedeutungen. Sie sind hier an der Kreuzkirche als Gedenksteine beim Bau der heutigen Kreuzkirche aufgestellt worden und stammen aus der Stadt Wittichenau und ihrer näheren Umgebung. Wann sie entstanden oder am ursprünglichen Fundort gesetzt wurden, weiß man heute nicht mehr. Es ist aber zu vermuten, dass die Praxis der Steinkreuzsetzung mit der Besiedlung der Region einhergegangen ist.
Das an der Längsseite der Kreuzkirche an der Saalauer Straße stehende Kreuz ist ein sogenanntes Byzantienerkreuz mit lateinischen Kreuzarmen, dass eine schwach erkennbare Schwertritzung aufweist. Es könnte das Gerichtskreuz der adeligen Grundherrschaft von Wittichenau gewesen, den das Schwert verstand man auch in früheren Zeiten als Schwur- oder Gerichtszeichen. Sein ursprünglicher Standort könnte damit auf dem Galgenberg gelegen haben, der als Gerichtsplatz überliefert ist. Andererseits könnte dieses Steinkreuz aber auch ein Sühne- oder sogar als Kroatenkreuz gedeutet werden, welches als Bestandteil eines Sühnevertrages oder Infolge eines Kampfes oder Gefechtes aufgestellt wurde und Vorübergehende zum Gebet für die oder den Verstorbenen einladen sollte. Die Schwertritzung dieses Steinkreuzes ist nicht nur ein allgemeines Schwert als Mordwaffe, sondern in der Detailtreue seiner Abbildung, die man besonders im angefeuchteten Zustand erkennt, ein Säbel, wie ihn insbesondere die Kroaten und Ungarn in vergangenen Jahrhunderten führten. Noch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts waren solche Verträge und Erinnerungszeichen üblich, die vor allem privatrechtlich als Wiedergutmachung zwischen dem Straftäter und der Opferseite verstanden wurden. Und Übergriffe auf Zivilisten sind auch von Mitgliedern der kurfürstlich-sächsischen Leibgarde Kroaten, in der auch Johann von Schadowitz 10 Jahre diente, bekannt und in den Akten des Staatsarchives in Dresden nachgewiesen.
Das linke Steinkreuz an der Giebelseite der Kreuzkirche ist ebenfalls ein Byzantienerkreuz , welches in der Mitte seiner Kreuzarme eine rund geformte Scheibe erkennen lässt. Und solche Art von Steinkreuzen waren in der Regel die Kennzeichen für einen geschützten Gerichtskreis. Dieses Steinkreuz könnte damit eines der ältesten Marktgerichtskreuze gewesen sein, dass sich hier in Wittichenau auf dem Marktplatz seit 1349 befunden hat.
Das rechte Steinkreuz in der Giebelseite der Kreuzkirche zur Bautzner Straße ist ein griechisches Kreuz, dass bei der Errichtung der Kirche gefunden wurde. Ob es eventuell ein sehr altes Grabkreuz mit einer vormals vorhandenen Inschrift, ein Kreuz, dass in Erinnerung für eine vormalige abgebrochene Kirche oder eines sakralen Platzes oder doch ein Sühnekreuz war, lässt sich nur vermuten. Die Kreuzform als griechisches Kreuz ist auf die annähernd gleichbreiten und gleichlangen im rechten Winkel zueinanderstehenden Kreuzarme und des Schaftes zurückzuführen.
Das vierte Steinkreuz, dass als Byzantienerkreuz mit lateinischen Kurzarmen in einer Höhe von ca. 2,5 m in der Giebelwand vermauert und bei Ausbesserungsarbeiten am Putz der Giebelseite freigelegt wurde, versteht sich als Sühnekreuz, welches der zugrundeliegenden „wehmütig-ernsten Sage“ nach, an einen verbotenen „Liebeszauber“ mit tödlichen Ausgang für die Liebenden erinnern und zu einem stillen Gebete für die Beiden animieren soll.
Und ein fünftes Steinkreuz findet man an der Straße nach Brischko links vor der Brücke über die Wudra. Dieses Steinkreuz ist allerdings beim Bau der Brücke an seinen jetzigen Standort leicht versetzt worden. Es ist ein lateinisches Kreuz mit beidseitiger Einritzung eines lateinischen Balkenkreuzes, dass heute als Straßengerichtskreuz des Klosters Marienstern interpretiert wird.
Die Kreuzkirche mit Ihren Steinkreuzen ist also ein historisch beachtlicher Standort, der von der fassettenreichen Geschichte unseres mit Johann von Schadowitz verbundene schönen Städtchen Wittichenau berichtet.