Wann in Wittichenau das erste Rathaus gebaut wurde, ließ sich bisher nicht mit Bestimmtheit feststellen. Fakt ist aber, dass nicht nur 1286 die erste Erwähnung der Stadt als „civitatem Wittigenhow“ nachweisbar ist, sondern auch schon für das Jahr 1302 ein „Rath zu Wittichenau“. Weitere Nachweise für einen funktionierenden „Rat von Wittichenau“ gelingen für die Mitte des 15. und 16. Jahrhunderts über entsprechende Nennungen in Urkunden des Staatsfilialarchives in Bautzen.
Anhand dieser frühen Nachweise eines funktionierenden „Rates“ oder auch „Magistrates“ der Stadt Wittichenau lässt sich sicher durchaus auch das frühzeitige Vorhandensein eines entsprechenden Rats- oder Magistratsgebäudes, auch um 1555 als „Raths-Stuhl“ bezeichnet, unterstellen, denn Herzog Friedrich von Sachsen wäre mit seinen Räten, dem Landvogt und den Ständen der Oberlausitz 1449 wohl nicht in die Stadt gekommen, wenn sie keine entsprechenden Räumlichkeiten eines geeigneten Gebäudes für eine Beratung hätte vorweisen können.

Zahlreiche Stadtbrände zerstörten Rathausbau
Wenn man also eines der ersten Ratsgebäude in Wittichenau unterstellt, so kann man seine Errichtung begründet auf die Mitte des 15. Jahrhunderts, mindestens aber wohl nach dem Stadtbrande von 1451, beziehen. Schließlich erfolgten in diesem Zeitabschnitt auch der massive Neubau der Stadtkirche sowie der massive Aufbau der Stadttore von Wittichenau.
Dieses Ratsgebäude könnte dann bis zu seiner Zerstörung durch den Großbrand der Stadt vom 01. Juni 1654 bestanden haben, welcher nur ganze 6 kleine Häuser verschont hatte.
Unmittelbar nach diesem Brand muss dann aber wiederum ein neues Ratsgebäude, dieses vermutlich im süd-östlichen Bereich des Marktplatzes, gebaut worden sein, welches bis zu dem von den schwedischen Truppen verursachten Stadtbrand in der Pfingstwoche von 1701 Bestand hatte. Zeugnis davon geben wiederum die historischen Daten von Wittichenau, die davon berichten, dass bei diesem Brand ein großer Teil der inneren Stadt, das Rathaus, das auf dem Markt befindliche Brauhaus (1630 erstmals erwähnt) und die Pfarrei in Asche gelegt wurde.
Und auch nach diesem Brand wird ein Ratsgebäude überliefert, dass nachfolgend bis zum großen Stadtbrand von 1780 auf dem Markt von Wittichenau am selben Standort, erbaut war.
Wie spätere Brandberichte beschreiben, muss man sich diese im 17. und zu Beginn des 18. Jahrhundert errichteten Ratsgebäude als einen zweigeschossigen Bau mit einem Schiefergedeckten Walmdach, das Untergeschoss massiv mit Ratssaal und kleineren unterschiedlich genutzten Räumen mit außen ergänzten Laubengangüberdachungen und das Obergeschoss in Fachwerkbauweise errichtet, vorstellen.
Johann von Schadowitz hat in seiner Zeit hier in Sachsen diesen imposanten Rathausbau kennengelernt, der in das Stadtleben rund um den Markt von Wittichenau voll integriert war. So nutzte man die Laubengänge gern auch an den Markttagen als überdachte Verkaufsstände.
1710 bekam dieses Rathaus sogar noch einen kleinen Turm mit Turmuhr und Glocke am nördlichen Giebel angebaut. Und die Glocke, so überliefert der Wittichenauer Humor, gab beim Läuten einen derart eigenartigen Klang von sich, dass man ihn als „Gebt Steiern, gebt Steiern“ deuten konnte. Der Volkswitz machte daher die Rathausglocke zu einer Steuerglocke.
Erst 70 Jahre später verstummte diese Glocke infolge des großen Stadtbrandes vom 15. April 1780, welches den oberen Fachwerkteil des Rathaus mit Dach und Turm vernichtete. Nur der untere massive Teil des Ratsgebäudes blieb seinerzeit erhalten und wurde über die nächsten Jahrzehnte bis zum letzten großen Stadtbrand von 1823 ab und an für unterschiedliche Zwecke genutzt. Überliefert ist diesbezüglich für das Jahr 1786 ein Mittagsmahl der Äbtissin Bernharda Kellner und eine Bürgerversammlung mit Ratswahl am 12. September im Ratssaal des Rathauses.
Nach dem Brand von 1780 wurde das Rathaus nicht wieder vollständig aufgebaut. Es blieb, nach einer vermutlich durchgeführten Sicherung, also nur im Untergeschoss erhalten. Für den Wiederaufbau des Rathauses fehlte der Stadt Wittichenau das Geld. Und so kam es, dass erst nach dem letzten großen Stadtbrand von 1823 dieses alte Rathaus vollständig abgetragen wurde.
Das Rathaus mit den Laubengängen wollten ursprünglich die Kamenzer Tuchmacher gegen unentgeltliche Freigabe der Verkaufshallen des unteren Stockwerkes zur Feilhaltung ihrer Stoffe an Markttagen wieder aufbauen. Da aber die Vertreter der Stadt Bedenken gegen dieses Angebot anmeldeten, kam der Wiederaufbau des Rathauses in jener Zeit nicht zustande. Auch in jener Zeit fehlte der Stadt das Geld für den Wiederaufbau des Rathauses. Noch wichtiger als den Aufbau des Rathauses erachteten die Stadtväter den Wiederaufbau eines neuen Brauhauses, für den sie bis ins Jahr 1836 mit dem königlich-sächsischen Ministerium des Innern verhandelten. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Amtsräume beim amtierenden Bürgermeister eingerichtet, wobei für ein Sitzungszimmer der Stadtverordneten regelmäßig der Vorsteher zu sorgen hatte.
Erst 1865 kaufte die Stadt dann schließlich das in der süd-östlichen Ecke des Markplatzes befindliche Wohnhaus des Rosshändlers Wels als neues Rathaus und versah es, nach umfassenden Erneuerungen und damit es als solches erkannt wurde, nicht nur mit einem Ratskeller, sondern auch mit dem Schriftzug „Ratskeller“ an der nördlichen Giebelwand.
Der Ratskeller selbst wurde 1938 infolge der Inanspruchnahme der Räumlichkeiten durch die NSDAP, geschlossen.
Im Januar des Jahres 1940 verursachte ein schadhafter Schornstein im Dachstuhl des Rathauses einen erneuten Brand, der das gesamte innere Gebäude bis auf die Umfassungsmauern einäscherte. Schuld daran war aber nicht nur der schadhafte Schornstein, sondern auch die eingefrorenen Brunnen der Stadt, die das Verlegen von 200 m langen Schlauchleitungen von der Brauerei zum Brandherd notwendig machten und dadurch eine effektive schnelle Brandbekämpfung verhinderte.
1941, noch während des II. Weltkrieges, wurde dieses Rathaus am gleichen Standort wieder aufgebaut und Mitte der 1990 Jahre erweitert und saniert. 1996 wurde das Gebäude durch Aufsetzung einer Stahlkonstruktion um ein drittes Geschoss mit Ratssaal ergänzt und durch Bekrönung des Zeltdaches mittels einer gläsernen Pyramide ausdrucksvoll in Szene gesetzt. Die spitzwinklig in den Marktplatz ragende Gebäudeecke wurde durch ein Glockenspiel aufgewertet, dass täglich um 10, 15 und 19 Uhr deutsche und sorbische Volks- und Kirchenlieder erklingen lässt.
In dieser heutigen architektonischen Ansicht repräsentiert das Rathaus einerseits die Transparenz des Stadtrates zur Stadt, andererseits aber auch seine Funktion als oberstes Organ des Gemeinwesens.